JIM HAYNES

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Social Networking in der Wohnküche

by Daniela Noack,
Forum Magazin, Leute, 23 sept 2011

 

Manche Menschen genießen im Alter ihre wohlverdiente Ruhe. Andere machen Party. Zu Letzteren gehört Jim Haynes. Seit 33 Jahren lädt der US-Amerikaner fast jeden Sonntag zur Dinnerparty in sein Pariser Domizil. Willkommen sind alle, sofern sie sich vorher anmelden.

 
photo ©Daniela Noack
Jim Haynes liebt das Besondere. Besonders sonntags. Sonntags abends verwandelt sich die Wohnküche des Schnauzbartträgers in einen Salon, um die hundert Menschen drängen sich für ein paar Stunden zwischen Couch und Küchentisch. Im Sommer bevölkern die Gäste auch den Vorgarten.

Der Herr in der Küchenschürze ist aber mehr als ein Salonlöwe. Sein Talent ist die Fähigkeit, Menschen zu treffen und Menschen zusammenzubringen. Was manch einer Arbeit nennen würde, ist für Haynes Lebenselixier. Ein Gesellschaftstier war der Mann mit den grauen Haaren schon bevor er 130.000 Gäste, vom Habenichts bis zum Millionär, in seinem Wohnzimmer bewirtete. Manche kamen einmal, andere immer wieder. Über die Jahre kreuzten so unzählige Berühmtheiten seinen Weg: Musiker wie Paul McCartney und Mick Jagger, Film- und Theaterlegenden wie Marlene Dietrich und Sir Laurence Olivier oder Autoren wie Henry Miller und Eugène Ionesco.

Als Antoine de Saint Exupéry philosophierte: „Der Mensch ist nichts als ein Bündel von Beziehungen“, könnte er Haynes gemeint haben. Sein Adressbuch ist weltrekordverdächtig. Bei Hunderttausend hat er aufgehört zu zählen. Zwar nutzt er auch die neuen Medien. Doch sein wirkliches Social Networking findet in der Wohnküche statt.

Nichts als ein Bündel von Beziehungen

Die Gäste sprechen neben Englisch, Französisch, Italienisch oder Russisch auch manch exotische Sprache. Eine Tischordnung gibt es nicht: Es gibt keinen Tisch. Dennoch ist es im dichten Gedränge unmöglich, nicht mit dem Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Kommunikationsprofi Haynes trägt seinen Teil dazu bei. Das Gehirnjogging des 77-Jährigen besteht darin, Namen und Heimatstädte seiner Gäste auswendig zu lernen und wie ein Marktschreier hinauszuposaunen. So erfährt jeder gleich, woher der potentielle Gesprächspartner kommt.

Alles begann durch einen Zufall. Eine Tänzerin, die Haynes Mitte der 70er-Jahre kostenlos beherbergte, organisierte aus Dankbarkeit einmal in der Woche für ihren Gastgeber und dessen Freunde ein großes Essen. Diese wurden schnell legendär und zogen immer mehr Menschen in die Rue de la Tombe Issoire.

Am Herd seines Hauses im 14. Pariser Arrondissement, südlich von Montparnasse, standen schon Köche aus fast allen Ländern. Meist langjährige Freunde des Hausherren, der oft selbst den Kochlöffel rührt. Die Tänzerin, mit der alles begann, betätigt sich manchmal heute noch als Küchenchefin. Zusammen mit zwei anderen Dinnerparty-Köchinnen hat sie mittlerweile ein Party-Kochbuch herausgegeben.

Noch bunter als die Speisekarte liest sich die Gästeliste: ein Comiczeichner aus Australien, die französische Single-Frau aus gutem Hause, ein deutscher Weltenbummler, der verhinderte Filmregisseur aus Irland, die russische Sängerin und der erfolgreiche Drehbuchschreiber aus Los Angeles. Ob Studenten oder Rentner, hoffnungslose Träumer, Normalbürger oder Nobelpreisträger: Alle folgen Jims frenetischen Anfeuerungsrufen, sich doch bitte zu unterhalten: „Talk, talk, talk!“ Drei Worte, durch die schon Freundschaften, Ehen und Kinder entstanden sind. So hat er einmal zwei Zwillingsschwestern aus Surinam zwei schottischen Brüdern vorgestellt. Später? Doppelhochzeit.
Wo sich heute Haynes' Gäste mit Wein in Plastikbechern zuprosten, schuf einst Maler Henri Matisse seine Werke. In der Nähe wohnte lange die Schriftstellerin Françoise Sagan. Früher lebten um die Ecke auch noch Samuel Beckett und Salvador Dali, zu denen Haynes - wie sollte es anders sein - gute nachbarschaftliche Beziehungen pflegte.

 
photo ©Daniela Noack
„Talk, talk, talk“: Jeden Sonntag ruft Jim Haynes bei sich zur Kommunikation auf.

Begonnen hatte Haynes „Abenteuer Europa“ Mitte der 50er-Jahre, als er als US-Soldat nach Edinburgh kam. Bald schlug er andere Wege ein. Mit ein paar Spargroschen mietete er Geschäftsräume in einem belebten Viertel Edinburghs, wo er den ersten Taschenbuchladen Großbritanniens eröffnete. In seinen Regalen stand – für damalige Zeiten unüblich – kein einziges gebundenes Buch. Doch nicht nur deshalb machte der junge Amerikaner von sich reden. Mit Lesungen und Konzerten wurde sein „Paperbookshop“ bald zu einem avantgardistischen Ort kultureller Happenings.

In der Auswahl seiner Leute zeigte Haynes schon damals ein gutes Händchen. Weil er die richtigen Beziehungen pflegte, gelang es ihm, prominente Gäste wie den später weltberühmten russischen Dichter Jewgeni Jewtuschenko und die französischen Starautorinnen Nathalie Sarraute und Marguerite Duras dazu zu bringen, in den verrauchten Hinterzimmern des Buchladens Kostproben aus ihren Werken vorzulesen. Haynes wollte das Ganze größer aufziehen und organisierte im Rahmen des Edinburgh Festivals Schriftstellertreffen. Zu diesen Begegnungen reisten Anfang der 60er- Jahre zahlreiche zeitgenössische Autoren von Rang und Namen. Die Gästeliste liest sich wie ein Who‘s Who der damaligen Literaturszene: Edward Albee, Max Frisch, Harold Pinter. Auch Deutschlands berühmter Theaterkritiker Friedrich Luft und der Schriftsteller Martin Walser kamen damals nach Edinburgh.

Zu Gast in Edinburgh: Auch Friedrich Luft und Martin Walser

Haynes war nicht mehr zu bremsen. Mit Freunden gründete er 1963 das „Traverse Theatre“, das bald zu einer der bedeutendsten Avantgarde Bühnen avancierte. Doch Haynes trieb es weiter nach London, wo er 1967 das „Arts Lab“ aus dem Boden stampfte, wichtiger Treffpunkt der Londoner Swinging Sixties, bekannt für seine spontanen Happenings. David Bowie nutzte das Arts Lab als Probebühne, Donovan gab Freundschaftskonzerte und John Lennon und Yoko Ono veranstalteten in einem Koffer stundenlange Sit-ins. Haynes wurde zu einer der Schlüsselfiguren der Londoner Untergrundszene. Damals wohnte der Nachtschwärmer in einer düsteren Kellerwohnung in der Gloucester Street. Die Vermieterin allerdings war keine Geringere als George Orwells Witwe.

Später betätigte sich Haynes als Schriftsteller und Philosoph, schrieb ein Dutzend Bücher. Mit Frauenrechtlerin Germaine Greer gab er die libertinistische Zeitschrift „Suck“ heraus, schrieb Abhandlungen über freie Liebe und rief in einem Büchlein die Arbeiter aller Welt zum Nichtstun auf. In den70erJahren organisierte er in Amsterdam das erotische „Wet Dreams“-Filmfestival. In den 80er- und 90er-Jahren dann zog es ihn in vielen Reisen gen Osten. Ob in Polen, Litauen, Estland oder Bulgarien, Haynes tat, was er stets am besten verstand: Beziehungen knüpfen. Das Ergebnis seiner Pilgerfahrten war die Buchreihe „People to People“, in der statt Informationen über Sehenswürdigkeiten und Hotels jede Menge Adressen kontaktfreudiger Osteuropäer standen, die bereit waren, Reisende in ihrem Wohnzimmer einzuquartieren.

Damals war der rastlose Haynes längst in Paris sesshaft. 1969 hatte ihn nur eine kurze Gastprofessur in „Sexual Politics“ an die Seine gelockt. Am Ende lehrte der unkonventionelle Professor seine Studenten 30 Jahre lang die Zusammenhänge von Sexualität und Gesellschaft. Nach seiner Pensionierung hat Haynes viel zu tun. Er zeigt in den eigenen vier Wänden Ausstellungen, lädt zu Theaterstücken ein und ist aktiv-er Autor und Verleger. Auch menschlich wird es ihm nicht langweilig. Sein Telefon steht kaum still. Und nächsten Sonntag ist wieder Dinnerparty. Viele alte Freunde wird er dann wieder treffen – und neue, die vielleicht einen Platz in seinem Adressbuch finden.

 
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Daniela Noack ©Forum Magazin, 2011
photos ©Daniela Noack

 

 

2011, Forum Magazin / Leute: Social Networking in der Wohnküche

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